Eine Geschichte die Mut machen soll...

08.12.2008
Ich bin mit meinem Freund im Auto unterwegs, als Mama mich weinend anruft, ich solle zur Kinderärztin meiner damals 10-jährigen Schwester Vanessa fahren und dort eine Überweisung abholen, wir müssten ins Krankenhaus fahren: Verdacht auf akute Leukämie. Wir fuhren ins nächstgelegene Krankenhaus und – wie in den kommenden Monaten noch so oft – lernten wir zu warten. Es war schon spät am Abend und in der Notfallambulanz der Kinderstation wurde gerade ein Mädchen untersucht, das vom Schaukelpferd gefallen war. Es machte mich wütend zu warten, während die Eltern – obwohl das Mädchen putzmunter war – mit der halben Familie darüber diskutierten ob das Mädchen eine Nacht zur Beobachtung bleiben sollte. Ich fragte mich wie das sein konnte: Vanessa war am Wochenende zwar schlapp und müde gewesen aber sie hatte bestimmt nur eine Erkältung, oder?

Als die Ärzte den Verdacht der Kinderärztin unterstützten, aber keine genauere Diagnose ohne Untersuchungen geben konnten, sagte man uns, dass wir am nächsten Tag in die Uniklinik Düsseldorf überwiesen werden würden, damit dort weitere Untersuchungen gemacht werden könnten und ggf. eine Behandlung gestartet werden könnte. Irgendwann in dieser Nacht kam Papa im Krankenhaus an. Er war beruflich in Frankreich gewesen und hatte sich nach Mamas Anruf sofort ins Auto gesetzt und war los gefahren... Ich fragte mich, wann ich endlich aus diesem Alptraum erwachen würde. In Düsseldorf erhielten wir dann am 09.12.08 die Diagnose: ALL – akute lymphatische Leukämie. Es wurde sofort mit der Chemo begonnen und die Ärzte führten viele Gespräche mit Mama und Papa: Nebenwirkungen der verschiedenen Medikamente, Veränderungen, den Alltag betreffend, die die Krankheit mit sich bringt,.... Es war völlige Reizüberflutung. Bald schon sollten Begriffe wie Erythrozyten, Thrombozyten, Leukozyten, Blasten, EK, TK, und die Namen der Medikamente zu unserem Alltag gehören.


Am 16.12.08 bekam Vanessa den „Brovi“. Ich fühlte mich wie in einem unterirdischen Labor eines Science-Fiction Films als ich den Katheder das erste Mal sah... Am Anfang machten wir uns große Sorgen um Vanessa. Sie sprach kaum mit uns, weinte nicht, fragte nicht warum,... Irgendwann kam dann der Tag an dem alles aus ihr herausbrach und sie einfach furchtbar weinte und sagte, dass sie Angst habe. Papa hatte eine gute Idee zu versuchen ihr die Situation klar zu machen: Jeder Mensch hat in seinem Leben ein Päckchen, dass er tragen muss. Ihres war nun mal recht groß ausgefallen und wir würden alle versuchen ihr zu helfen, dass es nicht runterfällt, aber in der Mitte steht sie und wenn sie loslässt, fällt es einfach runter, weil wir es allein nicht tragen können...
Nach und nach wurde das „Unnormale“ dann zum Normalen und es gehörte einfach zu unserem Alltag dazu. Dann kam Weihnachten immer näher und die Zeit des Jahres, die wir sonst so genossen, sollte am Besten so schnell wie möglich vorbei sein. Auf Silvester habe ich Vanessa die Haare geschnitten. Es fiel mir nicht leicht, denn sie wollte sie eigentlich nicht schneiden, sondern warten bis sie von selber ausfallen, aber sie waren schon so verknotet, dass es keinen Sinn mehr machte.

Also schnitt ich ihr, um die Glatze zu vermeiden, eine „modische“ Kurzhaarfrisur. Im neuen Jahr angekommen warteten viele Krankenhausaufenthalte auf Vanessa. Neben den stationären Aufenthalten zur Chemotherapie oder Behandlung von Infekten, gehörte Vanessa zu den Patienten, die sehr häufig EK und TK gebraucht hat.
Oft war nur von einer Kontrolle der Blutwerte die Rede gewesen und daraus sind dann Stunden des Wartens geworden.... Vanessa war oft schlapp, antriebslos und motzig. Oft hatte sie Gliederschmerzen und musste sich übergeben. Am meisten hasste sie es nachts allein zu sein, wenn niemand von uns bei ihr bleiben durfte. Das schlimmste für uns war es nichts machen zu können, außer daneben zu sitzen, ihre Hand zu halten und zu warten, dass es ihr besser geht.

Nach der letzten stationären Chemo haben wir uns alle etwas zu früh gefreut, denn Vanessa bekam plötzlich Fieber. Im Krankenhaus diagnostizierten sie dann eine Blutvergiftung, ausgelöst durch gram-negative Darmbakterien, die ihre Chance gewittert und sich breit gemacht hatten. Plötzlich hatte sie überall Wasser im Körper und nahm immens zu.... Es waren noch mal 10 Tage voller Sorgen, Angst und Hoffen, dass sie sich besser fühlt. Am 11.09.09 durfte sie abends nach Hause. Das war ihr so wichtig gewesen, war doch am 12.09.09 ihr 11. Geburtstag.
Seit dem 01.10.09 hat Vanessa keinen „Brovi“ mehr und seit dem 28.10.09 befindet sie sich in der Dauertherapie. Sie ist weitgehend auf ihre Tabletten eingestellt und geht wieder zur Schule. Sie fährt Fahrrad, Inline Skates und geht schwimmen. Ihre Haare wachsen ganz ordentlich. Manchmal wenn ich ihre Energie und Freude sehe, könnte man meinen, sie wäre nie krank gewesen...
Und dieses Jahr freuen wir uns riesig auf Weihnachten. Jeden Tag können Dinge geschehen, mit denen man nicht rechnet. Wer weiß schon was nächstes Jahr Weihnachten sein wird? Das wichtigste ist wohl jeden Tag zu genießen und sich immer einen Funken Hoffnung zu bewahren.

Auf diesem Weg möchte ich zunächst auch dem gesamten Team der KK04-Station und Ambulanz „Danke“ sagen. Ihr habt viel dazu beigetragen, dass man nicht nur noch schwarz sieht! Ich möchte auch meinen Eltern, Geschwistern und meinem Freund danken. Danke, dass ihr immer da seid und dass es euch gibt! Ihr seid echt spitze!


Zum Guten Schluss wünsche ich allen die Liebe, die Kraft und das Glück dieses Schicksal zu meistern!

Jessica Thomsen
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