1980 - Simmel schreibt an krebskranke Kinder


Eure Eltern haben mich eingeladen, euch aus meinen Kinderbüchern vorzulesen. Das habe ich getan. Ich bin mit vielen Büchern und mit Schallplatten, auf denen der Inhalt der Bücher von Schauspielern noch spannender gespielt wird, zu euch gekommen. Ihr habt euch sehr gefreut und mächtig geklatscht. Ich habe kaum lesen können, mir ist zu sehr zum Heulen gewesen. Und so mussten wir dann, als ich nicht mehr lesen konnte, den Plattenspieler laufen lassen. Eure Väter sind Ärzte, Maurer, Lastkraftwagenfahrer, Rechtsanwälte – es gibt einfach alle Berufe. Aber es ist die gleiche Krankheit, die ihr alle habt.

Diese Krankheit heißt Krebs. Etwa 250 seid ihr, die da in der Kinderkrebsklinik KC 11 der Universität Düsseldorf behandelt werden – 15 immer stationär, der Rest ambulant. Manche von euch müssen täglich zur Behandlung, andere alle vierzehn Tage, wieder andere alle drei Monate. 33 Prozent haben Leukämie, 4 bis 5 Prozent Lymphdrüsenentartung, 20 Prozent Hirntumore, 20 Prozent Neuroblastome, der Rest hat verschiedene Krebsarten. Ihr seid Babies, wenige Monate alt, und ihr seid junge Damen und Herren, siebzehn, achtzehn Jahre alt. Die Großen unter euch wissen, was mit ihnen los ist. Die ganz Kleinen wissen es noch nicht. Chirurgie und Chemotherapie stellen die Hauptbehandlungsformen dar. Ihr bekommt Zellteilungs-Gifte – in die Venen gespritzt oder in Tablettenform. Diese Medikamente setzen die Abwehr sehr herab, und so haben viele von euch ständig eine oder mehrere andere Krankheiten.

Es kommt auch häufig vor, dass euch alle Haare ausfallen. Oder dass eure kleinen Beine plötzlich gelähmt sind. Es gibt ganz, ganz Arme unter euch, die können nicht mehr sehen und nicht mehr sprechen und dürfen überhaupt nicht angefasst werden, weil schon leichteste Druckstellen sogleich zu bluten beginnen. Der Erfolg der Behandlung ist unterschiedlich. Eure Ärzte unterscheiden vier Stadien. In den Stadien I und II liegen die Chancen, dass ihr wieder gesund werdet, zwischen 40 und 90 Prozent, in den späteren Stadien III und IV können diese Chancen auf 5 Prozent sinken. Wenn ihr schon zu groß oder noch zu klein seid, habt ihr schlechtere Aussichten, mit dem Leben davonzukommen. Am besten ist es, wenn ihr zwischen vier und sieben Jahre alt seid.

Die Chancen eines Erfolges entsprechen durchaus denen in amerikanischen Kliniken, denn ihr habt sehr, sehr gute Ärzte – vier sind es. Und fünf Schwestern. Die sind prima. Auch die Eltern sind es. Jedoch: Wie ihr untergebracht seid, wie ihr leben müsst, wie eure Eltern, die Ärzte und Schwestern leben müssen, was ihr zu essen bekommt, das ist einer der größten Skandale, die ich kenne – und ich kenne einen Haufen. Was mit euch geschieht, ist ein grauenvoller, nicht zu fassender, den Atem verschlagender Skandal.

Es gibt, um nur ein kleines Bisschen dieses Skandals aufzuzeigen, in der ganzen Kinderkrebsklinik ein einziges Klosett. In diesem einzigen Klosett befindet sich die ganze Schmutzwäsche – und ein Laboratorium! Jawohl, so ist es, ich habe es gesehen. Ich habe auch ein Zimmer gesehen, das keimfrei sein sollte. Das Zimmer besaß eine ganz gewöhnliche Tür, oben gab es ein Fenster. Darunter war ein Schild mit dieser Aufschrift befestigt: MUNDSCHUTZ UND KITTELPFLEGE! Einige Kittel hingen neben der Tür auf dem Flur. Ich habe in diesem Zimmer ein schwerkrankes Kind und seine Mutter gesehen. Viele Mütter wachen und schlafen bei ihren Kindern.

Von wegen ”keimfrei”! Jeder tritt natürlich direkt vom Gang in das Zimmer, denn es gibt keine Schleuse. Am Morgen kommt die Putzfrau und macht mit einem dreckigen Fetzen und irgendeiner Lysollauge in diesem Zimmer ”sauber”. Die Tafel mit der Inschrift ist ein böser Hohn. Das Zimmer besitzt eine Größe von 7,3 Quadratmetern. Zum Vergleich: Im neuen Düsseldorfer Innenministerium ist das Zimmer eines einfachen Beamten 18, das eines höheren Beamten 24, und das eines Gruppenleiters 35 Quadratmeter groß. Eure armen Eltern haben einen mächtigen Politiker gebeten, zu euch in die Kinderkrebsklinik zu kommen, um sich von dem Skandal ein eigenes Bild zu machen. Der mächtige Politiker ist nicht gekommen. Ich habe den Brief gelesen, den er am 9. Juni an Eure Eltern schrieb.

Er habe deren Sorgen und Nöte nicht vergessen, schrieb der Herr und wörtlich: ”Ich habe es vielmehr für richtiger gehalten, mich persönlich darum zu kümmern, dass die Unterbringung krebskranker Kinder und ihrer Eltern relativ rasch verbessert werden kann.” Relativ rasch! Dass etwas verbessert wurde, haben weder die Kinder, noch die Eltern, noch die Ärzte, noch die Schwestern bemerkt. Alle Ärzte arbeiten nach wie vor in einem Zimmer, dass so groß ist wie ein Badezimmer. Hier sitzen sie am Mikroskop, schreiben Berichte, telefonieren.

Einen großen Dreck haben alle von einer Besserung bemerkt! Nach der Bauplanung des Ministeriums soll eine neue Kinderklinik überhaupt erst 1995 bezugsfertig sein. 1995! In fünfzehn Jahren also. 15 weitere Jahre sollen, wenn die Behörde siegt, Kinder, Betreuer und Eltern in menschenunwürdigen Verhältnissen leben. 15 Jahre sollen dreckige Stellen an Türen und Mauern, Löcher und besonders verschmierte Teile an Mauern mit Kinderzeichnungen überklebt werden, sollen Mütter und Kinder sich im Sommer halbtot schwitzen, weil sich, ungünstig angelegt, unter dem ebenerdigen Boden eine Heizung befindet, die das Thermometer, wenn es schon 35 Grad zeigt, in irrsinnige Höhen treibt, sollt ihr Kinder Kartoffeln in jeglicher Form (warm, kalt, als Püree, gesalzen, ungesalzen), Kohl und Kraut jeglicher Art oder Brot mit Meerrettichsauce als Nahrung angeboten bekommen. (Den Eltern ist verboten, gute Nahrung mitzubringen!)

15 Jahre noch sollen frisch operierte Kinder aus der Chirurgie am gleichen Tag wieder in diese Hölle zurückgeschickt werden. 15 Jahre noch sollen Kinder aus dem Raum Düsseldorf weiter hier hausen müssen, weil die nächste ähnliche Klinik in Münster liegt. (Und auch nicht besser sein soll.) Bis 1995 muss der Skandal weitergehen... Muss das wirklich so sein? Es liegen sogar DM 200.000 bereit. Tja, aber das ganze Geld liegt auf Eis! Denn erst, wenn mit dem Umbau begonnen wird, dürfen Rechnungen mit dem bereitliegenden Geld bezahlt werden. Vorher nicht. Und mit dem Umbau kann eben nicht begonnen werden, leider, leider.

Die Behörden schieben alle Schuld auf die Verwaltung der Universität, diese auf die Abteilung für Kardiologie, deren Leiter ihr Haus nicht verlassen und euch Kindern Platz machen wollen, um die Kardiologie wiederum schiebt alles auf die Behörden. Und folgt ihr mir im Rösselsprung, werdet ihr verrückt, meine Lieben. Übrigens: Die Baubewilligung für den neuen Landtag, der DM 250 Millionen kosten soll und den eigentlich niemand haben will, (außer den Abgeordneten, die sich darin recht behaglich fühlen wollen und sollen), ist natürlich sogleich erteilt worden. Sieben Belegräume hat die Kinderkrebsklinik, dazu wenige Nebenräume.

Da fühlt ihr euch am wohlsten, ihr, glatzköpfig, halbgelähmt, am Tropf hängend. Neue Räume, die frei gemacht wurden, sind unbenutzbar bis zum Generalumbau. Und den gibt es nicht, weil – siehe oben.Dafür kostet die Behandlung eines Kindes in diesem Stall pro Tag DM 227,50. Zweihundertsiebenundzwanzig Mark und fünfzig Pfennige! Die Krankenkasse zahlt alles zurück. Schön und groß leuchten im Park die Neubauten der Universität. Viel zu alt stehen die Kliniken da, lächerlich klein, zum Weinen klein.

So viele Bomben fielen auf Düsseldorf, so vieles wurde zerstört, die Kliniken der Universität blieben erhalten, leider. Eure Eltern, liebe Kinder, sind ruhige Menschen mit einer Geduld, die unfassbar ist. Sie versuchen, sich selbst zu helfen mit einer ”Eltern-Initiative”, sie machen Bazare, sie hoffen und beten, dass alles anders wird.
Aber eines Tages – und das bald, denn es eilt! – muss das Hoffen und das Beten aufhören, und verflucht noch einmal, in der schönen Stadt Düsseldorf, in der so viele reiche Leute und so viele kluge und geistreiche Politiker leben, muss doch etwas geschehen, muss, muss, muss.
(Quelle: Rheinische Post, 1980)





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